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Mittwoch, 22. November 2017

Mein Buchtipp Nr. 1: Das Teenager Befreiungs Handbuch

Ich möchte dir ein Buch vorstellen und ans Herz legen, welches mich sehr bewegt, inspiriert und nachdenklich gemacht hat. Seit ich es gelesen habe, gehe ich kaum an einem Teenager vorbei ohne den Wunsch ihn anzusprechen und dieses Buch zu empfehlen mit den Worten "Ich wünschte, das hätte ich schon in deinem Alter gekannt." Als ich es damals las, wohnte ich direkt gegenüber einer Schule und hätte am liebsten ein fettes Plakat mit dem Buchtitel an mein Fenster geklebt, damit alle Schüler (und Lehrer) davon erfahren sollten. 

Nachdem meine kleine, damals 23-jährige Schwester es angefangen hatte zu lesen, bekam ich eine SMS von ihr, in der sie schrieb: "Ich habe gerade das Gefühl, ich weiß zum ersten Mal, was ich machen will... und dass ich einige Zusammenhänge erkenne...".

Das Buch ist voller Geschichten von jungen Menschen, die frei, selbstbestimmt, meist ohne, aber auch mit Schule sich bilden. Diese Geschichten waren es, die mich dazu brachten, diesen Blog ins Leben zu rufen. Ursprünglich wollte ich hier immer wieder abgeschriebene Geschichten reinstellen - aber es kam anders, denn mir kamen schnell viele Ideen.


Die amerikanische Autorin Grace Llewellyn war zunächst Lehrerin, bevor sie diesen Beruf aufgab, um Das Teenager Befreiungs Handbuch: Glücklich und erfolgreich ohne Schule zu schreiben. Sie ist eine Vorkämpferin für Bildungsfreiheit in den USA. Über ihre Arbeit als Lehrerin schreibt sie, dass sie dadurch die Gelegenheit hatte, "die hässlichsten Aspekte des Schulwesens zu sehen, und meine immer schon vorhandene Neigung, mich gegen Autorität aufzulehnen oder mich zumindest darüber lustig zu machen, kam sogleich zum Vorschein und entwickelte sich weiter."

Auf der Buchrückseite ist Folgendes zu lesen:
Du glaubst, Lernen sei das, was du aus der Schule kennst: Vorgekaute Häppchen von vorgegebenem Stoff, unter ständiger Kontrolle, ob du auch wirklich alles geschluckt hast. Das hat mit echtem Lernen ungefähr so viel zu tun wie das zwangsweise Wettessen belegter Brote unter Aufsicht mit dem festlichen Verspeisen eines köstlichen, von dir selbst frei zusammengestellten Menüs. Dieses Buch liefert die Speisekarte. Das Menu ist: DEIN Leben. Guten Appetit!
Das Handbuch ist für alle, die jemals zur Schule gegangen sind, aber es ist vor allem ein Buch für Teenager und Leute, die mit Teenagern zu tun haben.
Hier kannst du einen Blick ins Buch werfen.
 

Montag, 26. Juni 2017

Was passiert mit dem neuen Menschen, der auf die Welt kommt?

Müsste der Mensch anders sein, damit die Welt besser wird? 
Braucht es einen neuen Menschen? 
In einem meiner Lieblingsinterviews sagte Hans A. Pestalozzi (s.u.) seine Meinung dazu:

Es braucht keinen neuen Menschen.
Jedes neugeborene Kind ist ein neuer Mensch.

Und dann schauen Sie mal, was mit diesem neuen Menschen geschieht – das ist doch das Verheerende!
Sie dürfen nie sagen:
„Es ist so! Der Mensch ist nicht in der Lage, der Mensch ist nicht fähig“,
sondern wenn Sie sagen, das ist die einzige Möglichkeit zum Überleben, dass die Menschen selber bestimmen,
dann müssen Sie die eine einzige Frage stellen:
Warum ist der denn heute nicht in der Lage?

Und das ist, was ich immer erwähne mit der Schule und mit der Erziehung usw.
Überlegen Sie doch mal, was mit dieser Schule los ist:

Jedes Kind lernt gerne, freiwillig, mit Begeisterung.
Alles was es braucht zum Leben lernt es freiwillig mit Begeisterung
bis es in die Schule kommt,
dann ist aus, dann braucht's Notenzwang, Selektionszwang, Hausaufgabenzwang.

Jedes Kind ist kreativ, unheimlich kreativ
bis es in die Schule kommt:
Nach zwei, drei Jahren ist Schluss, es muss ja immer nur wiedergeben, wiedergeben.

Jedes Kind ist emotional
bis es in die Schule kommt,
dann ist Schluss, dann muss es rational sein, es muss alles über den Kopf ablaufen.

Jedes Kind ist solidarisch,
lebt zusammen mit seinen Freundinnen und Freunden, bildet Banden und Gruppen,
bis es in die Schule kommt.
Plötzlich muss es gegen den Mitmenschen sein, das ist ja das Prinzip der Schule,
das Kind wird ja nie dran gemessen, wie es leben kann,
es wird nie daran gemessen, wie es zusammenleben kann mit den anderen,
sondern es muss von einem Tag auf den anderen besser sein als das andere.
Es muss schneller rechnen können, schöner schreiben können, heller singen können, weiter springen können usw.
Es muss das andere übertrumpfen, das andere unterdrücken
und dann steht ihm das Leben offen.
Jetzt sehen Sie doch mal, was mit dem neuen Menschen, das jedes Kind ist, geschieht, wenn es mal erzogen wird, wenn es pädagogisiert wird...

Der Schweizer Hans A. Pestalozzi (geb. 1929, gest. 2004) war in seinem Leben Major bei der Armee gewesen und später Manager in einem großen Schweizer Konzern. Als er immer kritischer wurde und Dinge hinterfragte, wurde er fristlos entlassen. Der Ex-Manager war Gesellschaftskritiker, schrieb Bücher und war ein gefragter Redner. Das Interview zu seinem Buch "Auf die Bäume ihr Affen", aus dem hier nur ein kleiner Ausschnitt zitiert ist, ist eines meiner Lieblingsinterviews und voll von sehr anregenden Aussagen!

Samstag, 12. April 2014

Gute Frage: Schule Schwänzen? Und die Folge... für den "Schulschwänzer"?

Gefunden unter gutefrage.net:
Hallo, ich bin 16 Jahre (m) alt und geh auf ein Gymnasium. In letzter Zeit habe ich oft geschwänzt,....ich weiß , dass das nicht gut ist...und habe auch immer ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Mutter desswegen....mein kopf sagt, dass ich in die Schule muss, aber mein körper bleibt einfach liegen....ich bin schon so weit, dass es mit Bußgeld geregelt wird.....doch ich bleibe dennoch liegen...obwohl es bei uns finanziell nicht so gut läuft...doch das schlimmste ist, dass ich mitbekommen habe, dass meine Mutter auch eine Anzeige bekommen kann/bekommt..kann man das nicht auch ohne Anzeiger regeln, denn meine Mutter versucht echt alles um das zu regel und ich will sie nicht belasten..... Also: Kann man das auch alles ohne Anzeige für meine Mutter regeln?

Dienstag, 28. Januar 2014

Von einem eisigen Morgen im Januar in einem Jahr wie jedes andere


Diesen Beitrag habe ich zum ersten Mal am 25.01.2013 veröffentlicht - aber, da er noch immer nicht weniger aktuell und heute wieder und noch Januar ist, wenn auch nicht überall eisig ...
„Ein eisiger Januar-Morgen. Noch ist es dunkel. Die dünne Schneedecke dämpft die Geräusche. Die winterliche Natur lädt uns zur Winterruhe, zur Rückbesinnung ein. Warum fühlen sich Menschen nicht als Bestandteil der Natur und ihrer Kreisläufe? Warum dürfen sie sich die Winterruhe nicht gönnen, wie alle anderen Geschöpfe?
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Tagesanbruch ankündigen, stehen sie da, wie allmorgendlich, jahraus, jahrein, und warten auf den Bus. Vor sieben hat sie die Pflichterfüllung an diese Haltestelle gebracht: jene Schülerinnen und Schüler, die der Bus nun zur Schule befördern wird. Werden sie, die da so tapfer warten, auch so tapfer den Vormittag durchstehen, bis der Bus sie mittags wieder heimbringt? Oder wird bloß ihr Körper anwesend sein, indes ihr bereits belasteter Geist sich gegen die vielen Schreib-, Lese-, Rechen- und anderen unzähligen Aufgaben zur Wehr setzen wird? Wie anwesend sind Menschen, die unnötiges, unbrauchbares Zeug einpauken müssen – oder die sich langweilen?
Um solche Mißstände wissen wir. Wir wissen auch um die Widersinnigkeit solcher Lernmethoden. Ebenso wissen wir darum, daß solcher Tagesrhythmus weder gesundheitsgerecht ist noch förderlich für die Erfahrungsfreude. Wir sehen auch die anfängliche und allmählich schwindende Wißbegierde junger Menschen. Weshalb dann so ein Attentat auf die Lebendigkeit? Wie begründen?
Wie können wir ihr Stehen zur nächtlichen Winterstunde begründen? Mit dem Fahrplan, der an verkehrstechnische und personalbedingte Zwänge gebunden ist und sich an den schulischen Stundenplan anpassen muß, welcher wiederum die Erfordernisse der arbeitenden Bevölkerung zu berücksichtigen hat?
Begründen?
Oder sollen wir es damit begründen, daß sie, die 7-, 8- oder 15-, 16-jährigen (fahren sie danach nicht ohnehin mit ihrem Mofa umher?) früh dressiert und an Pflichten gewöhnt werden sollen – ‚wo kämen wir sonst hin, wenn wir uns nach dem Lustprinzip richteten?‘!
Oder begründen wir es damit, daß es so am bequemsten ist: die geliebten Kinder sind wir los, indem wir sie sinnvoll beschäftigt wissen! Nun können wir all unsere Ideale auf sie übertragen, insbesondere jenes, daß sie es mal besser haben sollen, wofür wir uns aufgeopfert haben. Los-Sein: die Lösung, die unser Gewissen und unsere Nerven entlastet. Sich der Schule zu entledigen, würde fürwahr das Ende der Bequemlichkeit bedingen und einläuten!
Dies ist eine der Seiten eines vielfältigen Spannungsverhältnisses, und zwar die Seite, die uns betrifft. Diese Seite könnte uns dazu bewegen, die Schule zum Inbegriff des Bösen zu erheben, uns mitschuldig an ihrem Wirken zu fühlen. Wie naheliegend die Verführung, eine geschickte Verschwörungstheorie aufzubauen! Sind denn diese Kinder, die da auf den Bus warten, nur Projektionsobjekte unserer leidvollen Vergangenheit, an denen wir uns entschädigen, uns also schadlos halten? Sind sie nur Übertragungsempfänger hehrer Ideale? Wer gibt uns das – nach Überheblichkeit stinkende – Recht zum Mitleid mit ihnen?
Sind sie, die bei dunkler und kalter Nacht zur Schule fahren, nicht auch selbstbestimmte Träger und Präger ihrer Lebendigkeit, ihres Hoffens, ihres Handelns? Wer sagt uns, daß sie nicht auch anders handeln könnten, wenn sie wollten? Wer sagt uns, daß sie nicht sogar freiwillig zur Schule fahren, darauf wartend, auch bald selber an der ihnen im Augenblick vorenthaltenen Macht teilhaben zu können? Daß sie froh sind, dem Elternhaus zu entfliehen, um mit netten Menschen zusammenzukommen? Vielleicht ist ihnen der Schulalltag sogar ‚wurscht‘, nachdem sie seine Verlogenheit erkannt haben und sie das Rollenspiel der bestmöglichen Anpassung, als Grundlage für Erfolg, so meisterhaft beherrschen, daß sie ihre Ruhe haben? Was artikuliert der Spruch: ‚Sie wollen nur unser Bestes – doch wir werden es ihnen nicht geben!‘?
Es ist gleichgültig, ob sie aufgrund subtiler Manipulationen, wie ich sie weiter oben dargestellt habe, wollen sollen, was sie tun, oder ob sie von innen heraus wollen, was sie müssen. Der Konflikt offenbart sich erst, wenn sie nicht wollen, wenn sie nicht wollen.“


Dieser Text entstammt dem Beitrag Stell dir vor es ist Schule – und niemand geht hin! des Philosophen Bertrand Stern (enthalten in dem von Johannes Heimrath herausgegebenen Sammelband Die Entfesselung der Kreativität – Das Menschenrecht auf Schulvermeidung). Auf der Rückseite des Buches heißt es:


„Dieser Sammelband basiert auf Vorträgen, die auf einem Symposium des Vereins ‚Freies Lernen ohne Schulzwang (FLOSZ)‘ im Juni 1987 sowie auf dem 6. Regensburger Kongreß im Oktober 1987 gehalten wurden. (…)
Der Band greift  den hochaktuellen und gesellschaftspolitisch brisanten Bereich der Entschulung und Entstaatlichung des Bildungswesens auf. Er liefert provokative Thesen zur Begründung und Notwendigkeit einer freien Bildung in einer offenen und demokratischen Gesellschaft.“


 1987! Vor 25 Jahren, einem viertel Jahrhundert!

In der Zeit zwischen beiden Veranstaltungen, auf denen der Band basiert, bin ich eingeschult worden, genauer am 1. September 1987 (meine kleine persönliche Anekdote dazu am Rande: In der Nacht zum 1. September bin ich mit fürchterlichen Bauchschmerzen aufgewacht und habe mich übergeben müssen. Diese Begebenheit ist mir sehr im Gedächtnis geblieben und für mich heute von höherer symbolischer Bedeutung als damals ...)
Was mich wirklich entsetzt, ist die Erkenntis, dass schon vor so langer Zeit von engagierten Menschen, die sich für eine freie, dem Menschen würdige und ihn würdigende Bildung einsetzten, etwas beschrieben und aufgegriffen wurde, woran sich anscheinend bis heute rein gar nichts geändert hat. Im Gegenteil: Die Notwendigkeit einer freien Bildung ist in meinen Augen heute von größerer Brisanz als je zuvor!

Was geschieht, wenn sie nicht wollen? Dürfen sie nicht wollen?
Im Jahr 2012 (dem Jahr, in dem die Welt nicht unterging, somit wir also weitere Gelegenheit haben, sie zu verbessern, indem wir uns z.B. über die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte Gedanken machen) stellte Bertrand Stern in einem Vortrag seinem Publikum diese Fragen. 

"Unsere Schulgesetze (Ländergesetze) sagen nein. Unser Grundgesetz sagt ja." 

Und nun?    


***
 Nachtrag am 28.01.2014

Zitat aus dem Beschluss eines Familiengerichts aus dem Jahre 2013:

„... dem steht auch nicht entgegen, dass die Kinder auch in ihrer persönlichen Anhörung geäußert haben, die Schule nicht mehr besuchen zu wollen, denn aufgrund ihres Alters sind sie schon objektiv nicht in der Lage, die Tragweite einer solchen Entscheidung einschätzen zu können ...“
***


 „Allein wie halten Sie es mit der Annahme, da der junge Mensch doch nur ein ‚Kind‘ sei, könne er unmöglich entscheiden, was jetzt und vor allem später wichtig ist? Dies beleidigt nicht alleine die Potenz des Menschen; dieser eklatante Verstoß gegen die Grundzüge unserer Verfassung ist zumindest skandalös – wenn nicht sogar kriminell!“ (S. 22)
 
„Wird aber der Subjekt-Status infragegestellt, dann verkommt die Person zum Objekt, das seine autonome Selbstdefinition – eben weil er Mensch ist – abgibt an eine äußerlich orientierte Definitionsmacht. Der Unterschied ist gravierend, denn der Status als Objekt bedingt jene heimlichen und unheimlichen Herrschaften, die mit dem stets auftauchenden Alibi des Wohlmeinenden vorgeben, das Objekt zum Guten, zum Besseren hin zu führen…“

„das Fundament einer freiheitlichen Demokratie, die ihr Selbstverständnis in eine Verfassung kleidet, ist die Bedingungslosigkeit und Unbedingtheit des Subjektstatus der Person. Dieser Status ist an nichts gebunden, an keine Leistung und Vorleistung, an kein Alter (und keine Jugend!), an keinen Ursprung, an kein Geschlecht… Im Sinne des Grundgesetzes ist die Person ein Mensch, eben weil er ein Mensch ist – Punktum! Sollte diese Unbedingtheit als Vorzeichen der demokratischen Verfaßtheit Geltung haben, so gilt sie in besonderer Weise für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in der Gefahr stehen könnten, ohne die staatlichen (Verfassungs-)Garantien ‚unter die Räder‘ zu kommen: Deshalb müssen gerade junge Menschen als Subjekte anerkannt und respektiert werden, dies gilt ganz besonders in Hinblick auf ihre freie Entscheidung. Auch wenn Sie, als pädagogisch Denkende und Handelnde, es sich nicht vorstellen können, weil sie davon womöglich ausgehen, der junge Mensch wäre gar nicht fähig, frei zu entscheiden, weil er die Konsequenzen noch gar nicht absehen könnte: Wenn die Begriffe Mensch, Freiheit und Würde… etwas bedeuten sollen, dann müssen sie ernst genommen werden – oder aber sie sind widersinnig, sinnentleert, nur eine Worthülse, eine Lüge, eine Selbsttäuschung. Zur Verdeutlichung: Bedingt die Parole ‚Freiheit‘ nicht geradezu, daß jemand eine Entscheidung auch dann fällen darf, wenn eine andere Person diese Entscheidung als verkehrt betrachtet und diese zu akzeptieren vermag? Haben Männer über Jahrhunderte nicht vorgegeben, aus einem gewiß wohlmeinenden Patriarchat heraus zu wissen und entscheiden zu können, was für Frauen, die nicht als Subjekte galten und anerkannt wurden, das Richtige und das Gute sei? […]

Nochmals: Sind Schüler wirklich auch Menschen? Die Frage läßt sich leicht beantworten: Schenkt ihnen das postulierte Menschsein wirklich die Möglichkeit, selbstbestimmt, würdevoll und kompetent zu entscheiden, was sie wollen? Nehmen wir als ein Beispiel die natürliche Wissenslust, die Offenheit, die sozialen Fähigkeiten des Menschen: Kann nun eine jede Person selbstbestimmt entscheiden, wann sie was von wem und mit wem und in welcher Weise erfahren möchten? Oder werden sie zu Schülern gemacht?“ (S.50f)


Dienstag, 10. Dezember 2013

"Schluß mit Schule! das Menschenrecht, sich frei zu bilden" - vielleicht ein Geschenk für Eltern und Lehrer?!


Die Schule kritisieren kann jeder - und Schulkritik ist ebenso alt, wie die Schule selbst. Die Schule durch Reformen zu verbessern versuchen, können ebenfalls viele - Reform: eine "Umgestaltung bestehender Verhältnisse"... Aber zu schauen und zu durchschauen, auf welchem "Fundament" das "Schulhaus" steht, an dem da herum gebaut wird, welche Ideologien und Annahmen und welches Menschenbild ihm zugrunde liegen, dazu sind nur sehr wenige bereit. Und die zu Ende gedachten Konsequenzen aus den fundamentalen Erkenntnissen zu ziehen, das gelingt anscheinend fast niemandem - und in unserem Land, in welchem der Staat die Herrschaft über die Bildung junger Menschen für sich beansprucht und in dem ein gesetzlich verankerter Schulanwesenheitszwang herrscht, schon gar nicht. In diesem Land ist damit nur ein einziger Bildungsweg vorgegeben und erlaubt, was dazu geführt hat, dass Menschen nicht einmal mehr auf die leise Idee kommen, es könnte anders gehen, also so - selbst dann nicht, wenn es ihnen nicht gut geht und sie fast verzweifeln ...
Sind wir zu brav, zu ängstlich, unwissend, ignorant oder zu sehr daran gewöhnt, unseren eigenen Empfindungen nicht mehr zu trauen, weil uns lange und scharf genug eingebläut wurde, dass andere besser wissen, was für uns gut und richtig ist, als wir selber? Oder woran liegt es, dass wir denken, es könnte keinen anderen Weg der Bildung geben, als den durch die Schule - den unvermeidlichen, durch den man "halt durch muss", und der, wenn jemand wagt sich zu verweigern, mit jedem erdenklichen Mittel, und sei es mit Zwang und mit Gewalt, durchgesetzt werden muss - koste es, was es wolle?!
"Aber so schlimm ist es doch gar nicht", werden manche sagen. Vielleicht sogar, dass es nie besser war als heute. Haben sie sich einmal genau umgeschaut?

Was sehen wir denn wenn wir genau hinschauen?
Müssen wir bei der Frage nach "Veränderung" nicht leider feststellen, dass sich bis auf kleine Reförmchen im Grunde nichts verändert hat - dass sich, wenn wir genau hinsehen, Vieles sogar verschlechtert hat? 
  • Dass es so aussieht, als würde das System Schule bald aus allen Nähten platzen vor lauter Symptomen, die seine Beteiligten produzieren: angebliche Aufmerksamkeits- und Lernstörungen, Aggressivität, Mobbing und andere Gewalt, Überforderung, Angst, Stress, Hilflosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Langeweile, ... Bauch- und Kopf- und Rückenschmerzen ...
  • Dass es so aussieht, als müsste mit immer gewaltsameren und widersinnigeren Methoden gegen "Auffälligkeiten" vorgegangen werden, damit etwas aufrechterhalten wird, was vielleicht gar nicht funktioniert - anstatt dank der Auffälligkeiten zu erkennen, dass es nicht funktioniert: Nachsitzen, als "Konsequenzen" getarnte Strafmaßnahmen, medikamentöse Behandlung, Psychiatrieeinweisung, Trainingsraum-Methode (wahlweise "Auszeit" genannt), Lärmampeln, Belohnungssysteme ... "Förder"maßnahmen ...
  • Dass immer willkürlicher und anklagender nach dem oder den "Schuldigen" gesucht wird: die doofen, schlechten Lehrer; die faulen, schlecht erzogenen Schüler; die überbehütenden oder vernachlässigenden Eltern; das böse Fernsehen, das böse Internet, die bösen Computerspiele(!) ... Ein Sündenbock ist immer willkommen, um abzulenken! Abzulenken davon, genauer hinzuschauen. Abzulenken von den wirklich wichtigen Fragen ...

Sollten wir wohl Besseres zu tun haben, als uns mit dem Thema Schule zu beschäftigen?
Es sieht so aus, als sei Schule schon oft und lange und ausführlich genug von allen Seiten kritisch betrachtet worden. Kritische Erkenntnisse, die z.T. schon vor Jahrzehnten in verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft (Psychologie, Soziologie, Neurobiologie, Philosophie, Rechtswissenschaften) gewonnen wurden, scheinen wenig bis gar nicht in die Praxis des Schulsystems hineinzufließen! Sollte die Schule nicht schon längst überwunden sein, weil man erkannt haben müsste, dass sie nicht mehr in unsere Zeit und auch nicht zu dem passt, was dem Wesen des Menschen entspricht (oooh, dies mag für viele ein unvorstellbarer, bedrohlicher Gedanke sein!)?
Der Schlüssel liegt tatsächlich nicht in der Beschäftigung mit der Institution Schule, sondern in der Beschäftigung mit den Menschen. Wenden wir uns der Person zu, die jeder Mensch ist! 

Wenden wir uns nicht dem zu, was "normal" ist, sondern dem, was gesund ist: Dir!
Also, einem Menschen, der von Natur aus einzigartig, wissbegierig, mitteilungsbedürftig, kreativ und sozial ist. Einem Menschen, der kompetent ist - der in seinen Äußerungen immer ernst zu nehmen ist! Ja, immer!! 
Was geschieht denn mit dem jungen Menschen, der gesund und richtig auf die Welt kommt - mit allem, was er braucht (nämlich zu wissen und zu signalisieren, was für ihn gut und nicht gut ist): Er wird zum unfertigen Menschen gemacht, zum hilfs-, belehrungs-, erziehungs- und förderbedürftigen "Kind", zum "Minderjährigen", zum Objekt von allerlei Maßnahmen und guten Absichten - zum "Schüler"! Zum Abhängigen, denn entscheidend hierbei ist die Botschaft, dass andere besser wissen als er, was gut und richtig für ihn ist! Das Ganze geschieht auf gutgemeinte, mit viel Nachdenklichkeit gemachte und geplante Weise, so dass der davon Betroffene ganz schnell glaubt, dass das alles richtig ist. Daraus folgt dann aber eine dramatische Schlussfolgerung: 
"Der einzige, der dann ja nicht richtig sein kann, wenn er nicht funktioniert, wie er soll, muss ja dann ich selbst sein!" 
(Natürlich geschieht Erziehung auch auf offensichtlich gewaltsame Weise - das einzig Gute daran ist, dass sie zumindest sichtbar und vielleicht durchschaubar ist.)
Kann ein Mensch unter solchen Bedingungen das Vertrauen in sich selbst und seine eigene Urteilskraft bewahren? Hast DU dies bewahren können? Angenommen, du wärst ein mutiger Mensch geblieben ... aber erst einmal ist ganz wichtig zu klären: 

Was bedeutet denn "mutig sein"?
Mutig bedeutet ganz und gar nicht, dass du dich so verhältst, wie es andere wollen, dass du die Aufgaben erfüllst, die andere dir stellen, die Herausforderungen annimmst, die andere wollen, dass Du sie annimmst!
Mutig bedeutet, dazu zu stehen, dich so zu verhalten, wie du bist, wie es dir entspricht! 
Mutig bedeutet, deinen eigenen Weg zu gehen - auch, wenn es vielleicht nicht der Weg ist, den alle gehen. 
Und mutig bedeutet außerdem, die eigenen Grenzen zu erkennen und dafür einzustehen.
Mutig bedeutet, Nein zu sagen: wenn du etwas nicht willst, wenn etwas für dich nicht plausibel - oder vielleicht plausibel, aber dennoch nicht stimmig ist!
Mutig bedeutet, deine Aufgaben selbst zu wählen, selbst zu entscheiden, welche Herausforderungen du annimmst - oder nicht annimmst. Mutig bedeutet überhaupt: selbst zu entscheiden, wie du sein und leben willst.

Selbst entscheiden setzt voraus, dass du "Ja" und "Nein" sagen darfst!  
Der 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte. Heute vor genau sieben Jahren erschien das Buch "Schluß mit Schule! das Menschenrecht, sich frei zu bilden" des Philosophen Bertrand Stern. Dieser Titel ist zugleich provokant wie verheißungsvoll, denn er lässt sich auf zweierlei Arten lesen: Als herausfordernde Aufforderung, mit der Schule Schluss zu machen (die eindeutig provokante Variante) - und gewissermaßen als Prophezeiung, dass die Schule ohnehin am Ende ist ... (die, oh ja, verheißungsvolle Variante).
Was geschieht, wenn wir die Schule nicht mehr einfach nur kritisieren wollen, wenn wir aufhören wollen, das Verhalten von Menschen zu steuern, sie mit Belohnungen zu locken (zu "motivieren") und mit Strafen zu bedrohen, sie anzuschuldigen, ihre Symptome zu behandeln? Was geschieht, wenn wir nicht mehr nach Rezepten, nach schnellen Lösungen suchen (die es schlichtweg nicht gibt!), uns nicht mehr ständig neue Konzepte und neue "Regeln" ausdenken? Was geschieht, wenn wir beginnen, genau Hinzuschauen und Zuzuhören, genau Nachzudenken - und zu Ende zu denken? Was geschieht, wenn wir uns dem Menschen zuwenden, seinen natürlichen Eigenschaften, seiner Gesundheit und Lebendigkeit - seinen Grundrechten?
Wer das gern tun möchte - wer den Mut dazu hat! - lese "Schluß mit Schule!". Bertrand Sterns radikale Betrachtung entspringt seinem kompromisslosen, tiefen Respekt vor der Würde der Person, die jeder Mensch - ganz gleich wie jung oder alt - ist, vor seiner Kompetenz und Selbstbestimmtheit. Dieses Werk kann dazu beitragen, dass das wachsen und gedeihen kann, was wir alle dringend brauchen: Vertrauen und Mut! Und es wird hoffentlich dazu beitragen, dass bald (an)erkannt wird, dass junge Menschen schlichtweg Menschen sind und dass wir für sie nicht einfach einen Kontext schaffen können, in dem ihnen die Grundrechte abgesprochen werden, allen voran das Recht, "Nein" zu sagen - und sei es ein "Nein" zur Schule! Es möge ebenfalls dazu beitragen, dass sich die "von der Schule betroffenen Menschen" - seien es "Schüler", "Lehrer" oder "Eltern" - von den Fesseln dieser Institution befreien, um sich in den "Landschaften der freien Bildung" zu begegnen, zu entfalten, um zu teilen und zu tauschen - kurz: um frei sich zu bilden!

***


Weitere Stimmen zum Buch (aus den Rezensionen bei Amazon):


In klarer Weise wird herausgestellt, dass Menschen keine Objekte sind, die man nach Belieben formen kann; sie sind als Subjekte fähig, selbstbestimmt mit ihrem Dasein umzugehen, so auch, sich frei zu bilden. Doch ausgerechnet die Institution Schule ist daran mitbeteiligt, dass junge Menschen auf subtile Art und Weise zu 'wohlerzogenen Menschen' gemacht werden sollen, die sich fürchten werden, frei zu denken, frei zu handeln, sich frei zu bilden. Für viele Leser wird es wie eine Provokation wirken, dass ausgerechnet die Schule dem Postulat einer freiheitlich demokratischen Grundordnung widerspricht. 
...

Insofern wünsche ich diesem Buch viele mutige Leser, die, indem sie sich diesem menschenunwürdigen Schulsystem widersetzen, sich aufmachen, neue Horizonte zu erschließen zum Wohle der Menschen, die mündig sind, sich frei zu bilden: Sie werden in diesem Buch so manche befreiende Anregung finden.  
***
"Schluß mit Schule!" betrachtet Schule und Nicht-Schule theoretisch und praktisch unter mannigfaltigen Aspekten. Es ist am Ende so radikal, wie es im Titel provokativ scheint - gerade deshalb, weil es mittendrin sachlich, aber nicht unemotional ist und immer wieder - bei allem spürbaren Engagement - nüchtern und klar daherkommt. Wer sich auf dieses Buch einläßt, wird immer wieder erstaunt sein, wie viele Aspekte das Thema Bildung und Lernen hat, wie vieles bisher Selbstverständliche mit Leichtigkeit obsolet wird. 
***
Da, wo andere stecken und stehen bleiben - nämlich bei der Frage, ob Beschulung denn erstens überhaupt nötig und zweitens wenigstens artgerecht ist - legt der Autor erst richtig los. Wobei er gründlich und sorgfältig und erst noch in einer schönen, gepflegten Sprache die grundlegenden Fragen stellt und herrlich unerschrocken radikal beantwortet.
Da schreibt jemand, der wirklich frei denkt. Selten genug.
Die Lektüre ist aufrüttelnd und ab und zu erschreckend komisch - wie eben die Schule. Ein nüchterner Blick auf eine kranke und unsere Kinder pervertierende Institution. Zugleich auch eine Chance, die eigene Schulschädigung anzusehen.


Gedanken einer "Schulhasserin"

"Als ich noch zur Schule ging, wurde ich oft gefragt, ob es mir gefiele. Manchmal sagte ich ja, manchmal nein. Allerdings dachte ich...